Heilige 12 Apostel:(Apostel Matthias, 14. Mai) JUDAS – der Apostel ohne Gedenktag

Erstaunlich ein mittelalterliches Säulenkapitell der ehemaligen Klosterkirche St. Madeleine in Vézelay, Burgund/Frankreich (Foto). Da baumelt eine leblose Gestalt mit heraushängender Zunge am Galgen. Zweifelsfrei Judas Iskariot, der sich erhängt hat. Sein Verrat brachte Jesus ans Kreuz. Deshalb war und ist bis heute für viele selbstredend, dass es für Judas keine Rettung geben kann. Ganz gleich, welches Motiv er auch hatte: Geldgier, Neid, Enttäuschung. Auf Judas kann nur die ewige Verdammnis warten.
Und hier die Überraschung: Das Kapitell zeigt
noch eine zweite Szene (Foto: rechts). Wieder ist Judas zu sehen. Jetzt aber trägt ihn ein Mann auf der Schulter. Kein Zweifel: Es ist Jesus, der den toten Judas trägt. So wie der Gute Hirt das verlorene Schaf sucht und es auf seinen Schultern sicher zurückbringt, so rettet Jesus den Freund, der ihn so schändlich hintergangen hat.
Eindrucksvoller lässt sich die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes nicht darstellen. Kein Leben ist endgültig verpfuscht. Niemand ist hoffnungslos verloren. Auch Judas nicht. Der Steinmetz des Judaskapitells von Vézelay und sein Auftraggeber haben die Frohe Botschaft radikal zu Ende gedacht.
Und sollte die katholische Kirche doch noch mal einen Gedenktag für Judas einführen wollen, wäre mein Vorschlag der jährliche „Welttag der Suizidprävention“ am 10. September.
Franz-Josef Wolf
Judas-Meditation (Franz-Josef Wolf)
Setze dich ruhig hin und schließe sanft deine Augen. … Atme tief ein … und langsam aus.
Lass deinen Körper zur Ruhe kommen.
Stell dir eine stille Landschaft vor in der Dämmerung. … Der Boden ist staubig, die Luft schwer. … Am Rand eines Feldes hängt Judas – reglos, zerbrochen, am Ende seiner Kraft.
Jesus kommt näher. … Er bleibt stehen. … Kein Schock, kein Zorn, kein Abwenden. … Nur tiefer Schmerz und unendliches Erbarmen.
Behutsam löst Jesus den Körper seines Freundes. … Er nimmt Judas in seine Arme. … Das Gewicht ist schwer, doch er zögert nicht. … Er legt Judas auf seine Schultern, wie ein Hirte das verlorene Schaf.
Spüre diesen Moment. … Jesus trägt den, der sich selbst aufgegeben hat. … Er sagt nichts. … Seine Liebe geschieht in der Tat, nicht im Wort.
Judas ist tot – und doch nicht verlassen. … Nicht verstoßen. … Nicht vergessen. … Jesus trägt ihn nach Hause.
Mit jedem Schritt zeigt sich: … Kein Verrat ist größer als diese Liebe. … Keine Schuld tiefer als dieses Erbarmen. … Jesus trägt auch dort, wo Umkehr nicht mehr möglich scheint.
Atme ruhig weiter. … Vielleicht gibt es auch in dir Anteile, die sich tot anfühlen. … Teile, die du verurteilt hast oder aufgegeben hast. … Sie dürfen jetzt gesehen werden.
Höre Jesus leise sagen: … „Du bist mir nicht zu schwer. … Nicht zu spät. … Nicht verloren.“
Spüre die Wärme seines Rückens, die Sicherheit seiner Schritte. … Er trägt ohne Vorwurf. … Ohne Rechnung. … Nur aus Liebe.
Der Weg ist still. … Doch er führt nach Hause. … Lass dieses Bild in dir wirken. … Eine Liebe, die selbst den Tod nicht scheut. … Eine Freundschaft, die auch im Dunkel bleibt.
Atme ein … und aus. … Wenn du bereit bist, kehre langsam zurück. … Nimm die Gewissheit mit: … Du wirst getragen – auch dort, wo du dich selbst verloren glaubst.
