Leitartikel Juni 2026:Gebet ist ein Imperativ
Drei Blickwinkel:
Blick 1 „Dringlichkeit“: Obdachlose sterben zwei bis fünfmal schneller als Nicht- Obdachlose, Suizide sind bei Ihnen siebenmal wahrscheinlicher. Straftaten gegen Obdachlose haben sich innerhalb von 15 Jahren verdreifacht. Es geht buchstäblich um Leben und Tod.
Blick 2 „Konzept“: Es gibt seit den 90er Jahren ein Umdenken: Statt „Erst musst Du Deine Sucht loswerden, danach bist Du würdig, eine Wohnung zu beziehen“ heißt es „Housing First: Du hast ein Zuhause. Eine Meldeadresse. Du hast Würde. Und Du bekommst Hilfe.“ So ein Projekt gibt es z.B. seit 2020 in Köln – mit ökumenischer Unterstützung. Dort bekamen über 20 Menschen eine Wohnung. Seitdem: kein Mietrückstand, keine Sachbeschädigung, keine Kontaktabbrüche zur Sozialarbeit. Die neuen Mieter fanden Wege gesund zu werden, Süchte zu bekämpfen. Sie fanden ein für sie selbst wertvolleres Leben. Und sowohl die erfolgreiche Integration in die Nachbarschaft als auch in den Arbeitsmarkt geschehen mit keinem anderen Projekt der Wohnungslosenhilfe so schnell. In ganz Deutschland gibt es 50 solcher Projekte.
Blick 3 „Finanzen“: Taylor Swift spendete nach ihrer England-Tournee einen so großen Teil ihrer Einnahmen, dass jede der 1400 Tafeln Englands einen deutlichen Unterschied merkte. Mehrere Stellen meldeten, dass Sie ihren Jahresbedarf gedeckt sahen und somit Geld „über“ hatten, um Ihre Arbeit zu optimieren.
Ich weiß keine präzisen Zahlen für Eschweiler. Aber aus dem Prozess für Kirchliches Immobilienmanagement 2011 kenne ich Erhaltungskosten für vergleichbar große Kirchen und gehe daher davon aus: Der Erhalt und das Betreiben aller Kirchen in Eschweiler kostet jährlich einen gigantischen Betrag im mindestens sechsstelligen Bereich. Seit 2011 werden bei Bauschäden nicht mehr alle Kirchen vom Bistum bezuschusst.
Ich habe keine Absicht konkrete Kirchen zu schließen. Aber im Gegenüber von Armutsbetroffenheit und Steinhausfinanzierung werde ich parteiisch. Würde man z.B. nur noch die Hälfte der Kirchen finanzieren, stünden jedes Jahr sechsstellige Beträge zur Verfügung. Wie viel könnte man damit Menschen konkret helfen - statt nahezu ungenutzte Gebäude zu erhalten. In Schlebusch bei Leverkusen hat man in einer Kirche Wohnungen für Obdachlose eingerichtet, da ist die Weiternutzung des Raums direkt mit gesichert.
Wir kommen nicht daran vorbei: Wir müssten etwas angehen, was auch schmerzlich sein wird.
Sonst würde Volker Pispers recht behalten. Und das kann ja nun wirklich keiner wollen.
Tobias Kölling, Pastoralreferent
