Leitartikel Mai 2026:Der Schutzmantel
Die kirchliche Tradition hat den Mai der Gottesmutter Maria gewidmet. Wir halten Maiandachten ab, stellen Marienfiguren auf und schmücken sie mit Blumen. Vielleicht kennen Sie ja auch noch den Brauch, zu Hause ein kleines
„Maialtärchen“ aufzubauen.
Unter den vielen Darstellungen von Marienfiguren spricht mich eine besonders an: das Bild der Schutzmantelmadonna. Solch eine Bronzefigur hat mir vor vielen Jahren mein Vater geschenkt, als ich das elterliche Haus verließ, um mein Studium zu beginnen. Seitdem hängt die Figur über meinem Bett. Sie erinnert mich daran, dass ich mich unter den mütterlichen Schutz Gottes stellen darf, auch wenn es im Leben einmal stürmisch zugeht.
Seit Jahrhunderten wenden sich Christen und Christinnen an die Schutzmantelmadonna. Sie vertrauen Ihr Krankheit und Leid, Trauer und Ängste, aber auch Freude und Hoffnung an. Seit dem Mittelalter gibt es das Motiv der Schutzmantelmadonna auch in der Kunst. Dabei wird das damals gültige Gesetz aufgegriffen, das es verfolgten Personen erlaubte, unter den Mantel oder den Schleier einer hochgestellten Dame zu flüchten, um so Asyl zu erhalten. Ähnlich wurden auch voreheliche Kinder legitimiert, wenn die Mutter nach der Hochzeit ihren Mantel über das Kind warf.
In einem sehr bekannten Marienlied singen wir noch heute: „Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus…“. Ja, wir Menschen sehnen uns nach Schutz, nach einer sicheren Zuflucht und Heimat in dieser so bedrohten Welt, die gerade völlig aus den Fugen zu geraten scheint. In Situationen der Ohnmacht und Hilflosigkeit dürfen wir auf den mütterlichen Mantel der Barmherzigkeit vertrauen, der sich heilend über die Verwundungen unseres Lebens legt. Vielleicht nehmen Sie im Marienmonat Mai einmal die Gelegenheit wahr, eine Kerze bei der Mutter Gottes anzuzünden und ihr alle persönlichen Anliegen ans Herz zu legen. Da sind sie gut aufgehoben.
Sr. Martina Kohler SSpS
