Heilige 12 Apostel:Bartholomäus
In der Kunst gibt es eine Darstellung, die dieses Bild radikal ernst nimmt. In der berühmten Darstellung des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle hat Michelangelo den Apostel Bartholomäus gemalt – und zwar auf eine verstörende Weise. Bartholomäus hält seine eigene Haut in der Hand. Der Hintergrund: Nach der Überlieferung wurde er als Märtyrer gehäutet.
Doch das Bild sagt mehr als nur etwas über einen grausamen Tod. Bartholomäus steht dort ohne seine Haut. Ohne Schutz. Ohne äußere Hülle. Wir Menschen leben ständig mit und in Rollen. Wir präsentieren uns – bewusst oder unbewusst – in bestimmten Bildern. Wir zeigen uns so, wie wir gesehen werden möchten: kompetent, stark, überzeugend, moralisch auf der richtigen Seite. Auch religiöse Menschen sind davor nicht geschützt. Gerade im religiösen Bereich kann der Druck sogar besonders groß sein. Man möchte glaubwürdig wirken, engagiert, überzeugt, vielleicht sogar vorbildlich. Und Frömmigkeit und Engagement können zur Fassade verkommen.
Bartholomäus steht genau gegen diese Versuchung. Sein Bild ist radikal: Er hat keine Haut mehr, hinter der er sich verstecken könnte. Keine Rolle, die er spielen könnte. Keine Fassade.
Nur noch der Mensch vor Gott. Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung des Glaubens. Nicht immer überzeugend wirken zu müssen. Nicht immer Recht haben zu müssen. Nicht immer moralisch glänzen zu müssen. Sondern den Mut zu haben, sich zu zeigen, wie man wirklich ist. Mit allen Brüchen, allen Schwächen, allen offenen Fragen. Das gilt für jeden Einzelnen von uns. Aber vielleicht auch für uns als Kirche und als Gemeinde vor Ort. Kirche wirkt dann glaubwürdig, wenn sie nicht versucht, perfekt zu erscheinen.
Sondern wenn sie den Mut hat, auch ihre Verletzlichkeit zu zeigen.
Bartholomäus erinnert uns daran: Vor Gott zählt nicht der schöne Schein. Vor Gott zählt der Mensch, pur und ungeschminkt. Der Mensch ohne Maske. Der Mensch ohne Rolle. Der Mensch ohne Fassade.
Vielleicht liegt genau darin die größte Wahrheit des Glaubens. Und vielleicht auch seine größte Freiheit.
Martin Gruhlke
